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Interview mit dem Boomertrauma Autor Benjamin Jaworskyj

Erfahre was Boomertrauma bedeutet, für wen das Buch geschrieben wurde und warum der Schmerz der Kindheit, der Schlüssel zum Glück ist.

Was ist Boomertrauma?

Boomertrauma besteht aus den Wörtern Boomer – für die Boomer-Generation – und Trauma, griechisch für Verletzung. Dabei geht es sowohl um transgenerationales als auch um emotionales Trauma: Dinge, die damals normal waren und verharmlost wurden wie „Ach, stell dich nicht so an“, sowie Beschämungen, Abwertung, Konditionierung und körperliche Verletzungen z. B. den Arsch versohlen oder die Tracht Prügel, die damals als Züchtigungsform häufig noch verbreitet war und erst zur Jahrtausendwende gesetzlich verboten wurde.

 

Was macht es mit einem Kind, wenn die Person, die man liebt, dich schlägt? Als Erwachsener würde man sagen, das ist eine toxische Beziehung, aus der man gehen sollte, sich Hilfe suchen sollte. Aber als Kind bist du abhängig von deinen Eltern, du kannst nicht einfach gehen. Oder das typische „Los, geh auf dein Zimmer und komm erst wieder raus, wenn du dich beruhigt hast“: Man wird allein gelassen in seinem Schmerz und seinen Gefühlen.

Oder Scheidungen, die in Drama eskaliert sind. Um die Jahrtausendwende wurden statistisch 50 % aller Ehen geschieden. Ein enormer Schmerz für alle Beteiligten und vor allem für die Kinder, die damit dann häufig auch noch allein zurechtkommen mussten.

 

Das ist alles das Boomertrauma.

 

Daraus haben sich clevere Anpassungsmechanismen und Muster ergeben, die damals hilfreich waren und in heutigen Beziehungen Probleme machen: Generation Bindungsangst und Verlustangst. „Liebe ist gefährlich. Liebe bedeutet Abhängigkeit. Liebe bedeutet Schmerz.“ Generation Burnout: „Ohne Fleiß kein Preis.“, „Man muss sich einfach mehr anstrengen. Mehr tun.“ Der fehlende, erlernte Umgang mit Gefühlen und daraus resultierend auch das fehlende Mitgefühl für andere. Fehlende Grenzen und kein Zugang zu den eigenen Bedürfnissen. "Wer bin ich, wenn ich nichts leiste? Was will ich überhaupt? Wer bin ich überhaupt?"

 

Im Buch geht es nicht um eine Abrechnung mit den eigenen Eltern oder Boomerbashing; die meisten Menschen lieben ihre Eltern und haben viele schöne Erinnerungen. Gleichzeitig haben viele Millennials auch tiefe Verletzungen erlebt, die bis heute häufig noch als „Stell dich nicht so an“, „Schwachsinn“ usw. abgetan werden. Daraus entstehen innere Konflikte: Was darf ich denken? Was darf ich glauben? Beides darf wahr sein. Es darf zur Ruhe kommen. Wir müssen das nicht weitergeben an unsere Kinder.

 

Mit uns kann das Boomertrauma stoppen. Wenn wir uns bewusst dazu entscheiden und es nicht vermeiden.

Warum hast du Boomertrauma geschrieben?

Ich wurde vor ein paar Jahren selbst schmerzhaft in meine eigene Vergangenheit katapultiert, die ich über Jahrzehnte verdrängt und vermieden hatte. Ich war damals mit 10 Jahren ein Scheidungskind und war auf einmal Ende 30 mittendrin in meiner eigenen Scheidung mit meinem Kind.

 

Meine Vergangenheit wiederholte sich und plötzlich waren da all die Gefühle, die ich längst vergessen hatte: Trauer, Angst, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Wut, Scham, Schuld – ein ganzer Cocktail, mit dem ich nie einen Umgang gelernt hatte. Niemand hat es mir gezeigt. Ich musste schon immer alles selber klären. Das war für mich normal. Nicht, weil ich es mir ausgesucht habe, sondern weil ich es musste, um im Leben klarzukommen.

 

Als Kind, als Jugendlicher und auch als Erwachsener war ich immer auf mich allein gestellt, wenn es Probleme gab. Ich hatte Essen und ein Dach über dem Kopf, aber sonst war da nicht viel Liebe und Verbindung, vor allem in den Jahren nach der Scheidung. Ich hatte nie aktiv gelernt, wie man gesunde Beziehungen führt, und konnte es auch nicht kopieren.

 

Also habe ich die Entscheidung getroffen, es zu lernen: wie man Gefühle fühlt, wie man gesunde Beziehungen führt, was Bedürfnisse und Grenzen sind und wie vieles, das ich unbewusst tat, mit meiner Kindheit, meinen Eltern und meinen Großeltern zusammenhing. Transgenerationales Trauma – die Weitergabe von unverarbeiteten Verletzungen von Generation zu Generation.

 

Dabei habe ich erkannt, dass ich meine Eltern lieben kann und sie mich lieben und gleichzeitig Verletzungen passiert sind, deren Schutzmechanismen unbewusst mein Leben sabotieren. Genau wie viele Millionen andere Millennials auch. Man kann es ändern. Man kann einen Umgang lernen, statt ihn zu vermeiden, tief runterzudrücken und zu kompensieren.

 

Das ist auf Dauer anstrengend. Ruhe und Frieden kehren ein, wenn man loslässt und beginnt, sich selbst anzuerkennen in all seinen Facetten – auch im Schmerz, in der Trauer und der eigenen Bedürftigkeit.

 

Mit uns kann das Boomertrauma enden. Für uns selbst und für unsere eigenen Kinder.

Worum geht es im Boomertrauma Buch? 

Im Kern geht es um Beziehungen: die Beziehung zu romantischen Partnern, Kindern, Freunden, Familie – vor allem den Eltern, der ersten Beziehung unseres Lebens und der vielleicht wichtigsten Beziehung überhaupt, der zu uns selbst.

 

Es geht um Bindungstrauma mit besonderem Fokus auf die Boomer-Generation und deren Kinder, die Millennials, wobei es am Ende alle Generationen betrifft. Emotionale Verletzungen, die den meisten Menschen nicht als solche bewusst sind, wurden verdrängt und häufig auch als „ist doch nicht so schlimm“ oder „stell dich nicht so an“ abgewertet.

 

Auch Dinge, die damals leider noch normal waren, wie das Schreienlassen eines Säuglings, bis er sich selbst beruhigt – was er, wie heute bewiesen ist, gar nicht kann: Das Nervensystem hat die Todesangst, die der Säugling durchlebt, abgespeichert. Das Ins-Zimmer-Schicken, wenn ein Kind nicht so funktioniert, wie man es möchte. Schläge zur Züchtigung. All das war in der Boomer-Erziehung noch weit verbreitet und ist heute bewiesenermaßen unter anderem Auslöser für unsichere Bindungsstile sowie die Basis für psychische Herausforderungen.

 

Viele Millennials fragen sich: "Warum bin ich, wie ich bin? Warum fällt es mir schwer, mich auszuruhen oder Pausen zu machen? Warum kann ich nicht vertrauen? Warum bin ich lieber allein?" Oder das Gegenteil: "Warum halte ich es nicht aus, allein zu sein?" Das Buch gibt viele Antworten darauf.

 

Es geht vor allem um Fähigkeiten, die die wenigsten Boomer selbst gelernt haben: Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen sowie die Frage, wie man einen gesunden Umgang damit erlernt – für sich selbst und für die Beziehung mit anderen.

 

Es ist ein Buch, das sehr tief geht. Man sollte es bewusst langsam lesen. Es gibt jede Menge Reflexionsfragen und Bereiche zum Ausfüllen und Kennenlernen des eigenen Selbst. Danach werdet ihr auf Beziehungen, Kinder, Partner und auch fremde Menschen anders blicken. Es wird langfristig ruhiger, klarer und entspannter.

Für wen ist "Boomertrauma"?

Boomertrauma ist für alle Millennials ein Must-Read, die sich selbst verstehen wollen und begreifen möchten, warum sie unbewusst tun, was sie tun: in Beziehungen, im Job, mit ihren eigenen Kindern. Aber auch alle anderen Generationen sind eingeladen – die Gen X, die Gen Z und natürlich auch die Boomer selbst.

 

Die Boomer sind in diesem Buch nicht die Bösen, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht so klingt. Es ist keine Abrechnung oder Boomerbashing nach dem Motto: "Ihr seid schuld, dass es uns schlecht geht, und habt als Eltern versagt." Das stimmt nicht. Man kann seine Kinder lieben, sich bemühen und trotzdem ein Kind verletzen. Alles kann gleichzeitig wahr sein.

 

Die Boomer sind selbst das Resultat ihrer Eltern, der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die selbst starke emotionale und physische Traumata erlebt und diese meist ungefiltert und ohne Therapie an die eigenen Kinder – die Boomer – weitergegeben haben. Man nennt das in der Psychologie transgenerationales Trauma. Unsere Eltern haben meist ihr Bestes gegeben mit den Werkzeugen und Fähigkeiten, die sie selbst hatten, und gleichzeitig sind bei vielen Millennials auch starke Verletzungen entstanden, die bis heute nachwirken und unbewusst das Leben sabotieren. Diese Gleichzeitigkeit gilt es anzuerkennen, statt sie abzuwehren: „Du hast doch alles gehabt! Du solltest dankbar sein! Alles Schwachsinn. So schlimm ist es gar nicht. Stell dich nicht so an. Das ist doch kein Trauma. Alle nur noch verweichlicht. Anderen geht es viel schlechter.“

 

Diese Härte und Abwertung für den Schmerz der anderen ist genau dieselbe Härte, die viele in ihrer Kindheit selbst erlebt haben. Die erlernten Schutzmechanismen fahren hoch, und das Boomertrauma nimmt mal wieder seinen Lauf: Angriff und Abwehr. Statt Anerkennung, Verständnis und Neugier. Was passiert ist, ist passiert. Wie man heute damit umgeht, darauf hat man Einfluss.

 

Du kannst es stoppen und lernen, wie man gesunde Beziehungen führt – mit sich selbst und mit anderen. Das Boomertrauma kann mit dir enden. Für dich, deine Beziehung und deine Kinder.

Was sind die wichtigen Erkenntnisse aus dem Buch? 

Viele Menschen haben keinen gesunden Umgang mit Gefühlen erlernt. Sie hatten Eltern, die es selbst nicht gelernt haben. Die Eltern der Boomer, unsere Großeltern, haben den Krieg häufig selbst noch miterlebt oder wuchsen direkt danach auf: unsagbares Leid, Mangel und Anpassung. Damals gab es so gut wie keine Therapie. Verdrängung und Schweigen waren der Umgang. Auffallen war real gefährlich; Überleben und Funktionieren hatten höchste Priorität. Für Gefühle war kein Platz.

Unsere Großeltern mussten ihre Eltern teilweise noch siezen. Eine emotionale Distanz war ausdrücklich erwünscht: Sei gehorsam, stark, hart und funktioniere.

 

Jede Generation hat sich weiter von den alten Normen befreit und teils heftige Gegenbewegungen mit den eigenen Kindern gestartet.

 

Natürlich war die Kindheit nicht nur schlecht. Natürlich haben die meisten Eltern ihre Kinder aufrichtig geliebt und wollten das Beste für sie, und gleichzeitig sind tiefe Verletzungen entstanden.

 

Das erkennt man daran, was passiert, wenn Gefühle auftauchen. Meist wird unterteilt in gute und schlechte Gefühle – eine Bewertung, basierend auf dem, was man selbst gelernt und erlebt hat. Hat man erlebt, dass man z. B. für Trauer beschämt wurde („Heul nicht so rum!“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“), dann hat man abgespeichert: Trauer = gefährlich und mit Scham behaftet, also ein schlechtes Gefühl.

Im Kern sind aber alle Gefühle neutral. Sie enthalten Informationen und kommen autonom, also ohne Bewusstsein. Jeder Mensch produziert alle Gefühle. Es ist wie Schwitzen oder Pinkeln: Man würde auch nicht sagen, Pinkeln ist gut und Schwitzen ist schlecht. Beides ist wichtig und richtig; man erlernt einen Umgang damit.

 

Beziehungsprobleme lassen sich meist nicht kognitiv lösen, sondern emotional. Wird eine alte Verletzung berührt, beginnt das unbewusste Muster: Einer zieht sich zurück, der andere greift an; einer wertet ab, der andere hält dagegen. Es geht fast immer um Gefühle, selten um rationale Kommunikation.

 

Wir dürfen lernen, wieder zu fühlen.

Sind wir jetzt alle traumatisiert?

Ja und Nein. Es ist verständlich, erst einmal auf Abwehr zu gehen: Trauma ist ein großes Wort, Scham ein starkes Gefühl. Unser Gehirn fängt an, Distanz herzustellen. Achtung: Es wird potenziell nah und verletzlich. Ein erster Schutz fährt hoch: „Trauma? Das ist etwas für die anderen. Für die mit großem Leid. Nicht für mich. Wer bin ich, dass ich mir das Recht herausnehmen dürfte, ein Trauma zu haben, wo andere Menschen doch deutlich schlimmere Dinge erlebt haben.“

Oder: „Mit mir? Mit mir ist doch alles in Ordnung! Oder?“

Angst kommt hoch: „Was, wenn ich nicht mehr funktioniere?“

Scham kommt hoch: „Was, wenn andere das sehen oder mitbekommen?“

Angst kommt wieder hoch: „Was, wenn sie mich ablehnen?“

Wut kommt hoch: „Das lasse ich nicht zu! Mit mir ist alles in Ordnung! Ich habe keine Probleme! Ihr habt Probleme! Ihr seid einfach alle zu weich.“

 

Schutzmechanismen in Aktion. Das Boomertrauma.

 

Trauma heißt eigentlich nur Verletzung, aber das Wort löst etwas aus. Kein Mensch hätte ein Problem damit, offen darüber zu sprechen, vom Fahrrad gefallen zu sein und sich ein Knietrauma zugezogen zu haben. Ein Knietrauma? Ja, stimmt. Armgelenktrauma, als ich vom Klettergerüst gefallen bin? Ja, stimmt. Keinerlei emotionale Ladung.

Trauma in der Kindheit? Uff. Schwierig. Plötzlich wird es nah und gefährlich. Sensibles Thema – eigene Eltern und Kindheit.

Spannend. Warum?

 

Wäre die Frage jetzt: Sind wir alle verletzt? Spezifischer: Sind wir alle emotional verletzt? Dann würde ich sagen – und mir würden wahrscheinlich viele Menschen zustimmen – dass die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle irgendwann in unserem Leben emotional verletzt wurden, durch unsere Eltern, Familie, Freunde, Lehrer, Beziehungen usw., ziemlich hoch ist. Fangen wir sanft an: die erste Liebe, die erste Trennung. So gut wie jeder hat es selbst erlebt. Es ist verletzend, es ist emotional schmerzhaft, und gleichzeitig ist es etwas, wofür die meisten Menschen sich nicht schämen. Damals war die Trennung schlimm und tragisch; heute denkt man vielleicht als Erwachsener: „Ich wusste es damals nicht besser und mein Partner oder meine Partnerin auch nicht. Wir waren noch jung.“ Nostalgie setzt ein, Dankbarkeit. Andere fühlen vielleicht auch Wut oder Erleichterung oder eine Mischung aus allem. Meist hat man keinen Kontakt mehr zur ersten Liebe. Man war bei der ersten Liebe häufig auch kein Kind mehr, eher ein Jugendlicher. Die Verletzung oder Wunde konnte über die Zeit verheilen, man konnte sie meist verarbeiten.

 

Bei den eigenen Eltern, der eigentlich ersten Beziehung und ersten Liebe unseres Lebens, ist es meist anders. Häufig haben wir als Erwachsene noch Kontakt. Lief die Kindheit rosig, nah und verlässlich, ist auch der heutige Kontakt meist rosig, ruhig und verlässlich. War sie das nicht, spiegelt sich das in der heutigen Beziehung wider.

 

Wenn Menschen sagen: „Ich kann mich an meine Kindheit nicht erinnern, aber ich denke, sie war ganz okay“, dann kann man einfach schauen, wie die Beziehung zu den Eltern heute ist. Manche sehen ihre Eltern mehr, manche weniger oder gar nicht mehr.

Oft spielt Schuld eine unbewusste Rolle: „Ich muss ja Kontakt haben, damit ich ein gutes Kind bin. Das macht man so als gutes Kind.“

 

Bewusste und unbewusste Verletzungen, die geschehen sind, sind meist mit Scham behaftet – vor allem bei den Eltern. Kein Elternteil ist stolz darauf, sein Kind z. B. geschlagen zu haben. Viele Boomer wurden selbst von ihren Eltern geschlagen, haben sich selbst nach Nähe und Verbindung zu ihnen gesehnt, aber häufig kühle Distanz und eigene Verletzungen erlebt. Diese Scham wird meist nicht mit den Kindern geteilt oder ausgesprochen, denn man hatte ja selbst keinen gesunden Umgang mit Gefühlen erlernt und wurde für die eigene Schwäche abgewertet. Scham wird als Gefühl häufig als Schwäche interpretiert. Es folgt Abwehr und Abwertung der eigenen Schwäche und der Schwäche im Gegenüber, dem eigenen Kind: „Du bist einfach zu weich! Stell dich nicht so an! War ja auch nicht alles schlecht! So dankst du es mir also?“ Es ist eine Vermeidungsstrategie der eigenen Verletzlichkeit und Schwäche.

 

Das macht es für Betroffene so schwierig, weil ein innerer Konflikt entsteht: zum einen die Liebe und Loyalität zu den Eltern und der Schmerz der Verletzung, dann die Wut über die Abwehr oder Abwertung und gleichzeitig die Scham und Schuld, selbst kein gutes Kind zu sein. Vielleicht ist man wirklich einfach zu empfindlich?

Man fühlt einen Cocktail aus Gefühlen, darf aber nicht so fühlen. Man denkt vielleicht: „Meine Gefühle sind nicht richtig.“ Daraus resultiert dann meist eine Hilflosigkeit – genau wie in der Kindheit. Bis man das Muster erkennt und es bewusst verändert.

Scham ist keine Schwäche. Scham ist Stärke und sorgt für Verbindung. Gleichzeitig hat Scham Angst vor Ablehnung. Wenn ich zu meinem Kind sage: „Ich schäme mich dafür, dass ich dich geschlagen habe“, dann ist es ehrlich und schafft Raum für Verbindung. Wenn aber gesagt wird: „Du bist zu sensibel!“, ist es eine unfaire Verdrehung und schafft Distanz.

 

Habe ich die Frage beantwortet? Es ist komplexer und vielschichtiger als nur Ja oder Nein. Schwarz oder Weiß.

Was hat der Leser jetzt davon, das Buch zu lesen, und was bringt es, in der Kindheit herumzuwühlen? 

Viele Menschen suchen nach Glück, Liebe und Sicherheit im Außen: „Wenn ich dieses oder jenes erreicht, geschafft oder erlebt habe, dann …“ Das Buch geht in die genau andere Richtung – nach innen. Alles ist die ganze Zeit im Innen, aber unter cleveren Schutzmechanismen vergraben. Wir dürfen lernen, wie man Gefühle fühlt, Bedürfnisse wahrnimmt und äußert, gesunde Grenzen setzt und wieder Zugang zu unserem authentischen Ich findet. Dieser Weg ist komplex und bei jedem Menschen höchst individuell, aber er ist möglich. Das Buch nimmt dich dabei an die Hand; den Weg darfst du selbst gehen, in deinem eigenen Tempo.

 

Die Kindheit ist relevant, um zu verstehen, warum man sich heute in Beziehungen verhält, wie man sich verhält – aber nicht nur kognitiv, sondern vor allem emotional. Das haben viele Menschen, vor allem Männer, nie bewusst gelernt. Dinge, die für uns heute als Erwachsene emotional groß sind, haben ihren Ursprung meist in der Kindheit: manches bewusst, vieles unbewusst, vergraben unter dicken Schutzschichten. Wenn das Gefühl von damals zur Ruhe kommen kann, kommen wir meist auch heute zur Ruhe. Es ist faszinierend, wie unser Körper und Nervensystem funktionieren.

 

Wer stark traumatische Dinge erlebt hat, muss natürlich nicht komplett wieder in die Vergangenheit zurück. Details spielen meist auch eine untergeordnete Rolle; es reicht, das Gefühl – also den Schmerz und die Trauer – im Heute anzuerkennen und zu fühlen: die Trauer über eine Mutter, die vielleicht zwar funktional da war, bei der man aber keine Liebe gespürt hat, oder vielleicht den Vater, der dich nie so gesehen hat, wie du bist, egal wie sehr du dich angestrengt hast. Gleichzeitig haben sie dich auch geliebt. Es kann beides wahr sein.

 

Die Trauer und dieser Schmerz sind real und wollen angenommen und akzeptiert werden. Ganz egal, was andere davon denken – es ist dein Gefühl. Wenn du anerkennst, dass du bedürftig bist wie jeder Mensch und schwach sein darfst wie jeder Mensch, fällt eine enorme Last von den Schultern. Dann kann deine Partnerin oder dein Partner dich sehen und annehmen, wie du wirklich bist, und umgekehrt. Man kann langsam lernen, sich echt und authentisch zu begegnen, mit Neugier und Wärme. Mit jedem Gefühl, das man zulässt und in Kontakt bringt, kommt ein weiteres Gefühl dazu. Man bemerkt, wie sich innere Blockaden und Konflikte langsam lösen und Dinge, die einen früher aus dem Konzept gebracht haben, ruhiger werden.

Die Verletzungen bleiben immer ein Teil von uns, und wir finden einen gesunden Umgang damit. Wir können auf unsere Kinder blicken und eine authentische Beziehung zu ihnen aufbauen. Auch wir werden unsere Kinder unbewusst wahrscheinlich verletzen oder verletzt haben; auch sie werden uns verletzen. Verletzungen sind ein Teil des Lebens. Entscheidend ist der Umgang damit und ob er zu mehr Verbindung oder mehr Distanz führt.

 

Natürlich ersetzt das Buch keine individuelle Begleitung und auch keine Psychotherapie. Es richtet sich an Menschen, die grundlegend psychisch stabil sind, aber in Beziehungen immer wieder an Grenzen stoßen. Es soll zum Reflektieren einladen und vor allem auch Männer dazu inspirieren, sich mit dem Thema Beziehungen und Gefühle auseinanderzusetzen.

Wie merke ich im Alltag, dass mein alter Schutzmechanismus gerade aktiv ist? 

Das Tragische ist, dass man es meist gar nicht als solches bemerkt. Es ist so normal und lange trainiert, dass man es erst einmal nicht bemerkt. Man denkt, es wäre vielleicht einfach nur Stress, oder man ist halt einfach so: Einfach Augen zu und durch. Durchhalten. Stark sein.

 

Man darf zunächst ein Bewusstsein entwickeln für seine eigenen Muster. Dabei hilft häufig ein Gegenüber und Selbstreflexion – zum Beispiel mit dem Boomertrauma-Buch. Starke Schutzmechanismen sind in nahen Beziehungen (z. B. mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen) entstanden und schützen in nahen Beziehungen: mit dem Partner oder der Partnerin, den eigenen Kindern und Freunden. Wann immer wir wirklich sichtbar, nah und verletzlich werden.

 

Bist du Single, dann kann es sein, dass deine Bindungsmuster nicht anspringen und du dich besonders sicher fühlst. Erst in einer Beziehung, sobald es verbindlich wird, springt das alte Muster wieder an – z. B. der Drang nach Freiheit und Autonomie. Manchmal kann man auch wahrnehmen, dass man sich besonders klein und hilflos fühlt oder das Bedürfnis hat, besonders stark aufzutreten, um nicht mit der eigenen Hilflosigkeit in Kontakt zu kommen. Es kann auch sein, dass man erstarrt oder direkt flüchtet. Weit weg. Dorthin, wo es sicher ist.

 

Die Fragen: „Was fühle ich eigentlich gerade?“ oder „Was ist hier mein Bedürfnis?“ sind einfache Fragen, die in solchen Situationen tief wirken können. Dafür braucht man aber erst einmal ein Verständnis für die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen und dafür, warum sie alle gleich wichtig sind. Das möchte ich mit diesem Buch vermitteln. Wir können es lernen. Mit uns kann das Boomertrauma enden, und wir dürfen unsere Eltern, die Boomer, lieben. Beides ist möglich.

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